Wenn die Haut wie Feuer brennt! Was passiert bei einer Nesselsucht in der Haut?

Viele Substanzen, die von außen auf die Haut aufgebracht werden, oder vom Körper selbst produziert werden, können Juckreiz auslösen. Den meisten dieser Stoffe ist gemeinsam, dass sie den Gewebebotenstoff Histamin freisetzen, dem eine Schlüsselrolle bei der Juckreizauslösung zugesprochen wird. Sehr deutlich zeigt sich der Juckreiz-auslösende Effekt des Histamins z.B. nach einem Insektenstich oder nach dem Kontakt mit Brennnesseln. Neben Substanzen, die körpereigenes Histamin freisetzen, ist in dem Gift vieler Insekten und auch Juckreiz-auslösender Pflanzen Histamin enthalten, das in die Haut eindringt und diese reizt. Dieser Reiz wird von spezialisierten Nerven (man könnte auch sagen: Juckreizfasern) wahrgenommen und an das Gehirn, die Nervenschaltzentrale, wird gemeldet: Hier juckt etwas! Das ist in vielen Fällen gar nicht schlecht. Bei Insektenstichen oder nach dem Kontakt mit juckenden Pflanzen führt Juckreiz dazu, dass wir die Haut kratzen oder unter kaltem Wasser kühlen (und damit den Auslöser beseitigen) und, dass wir die Haut reiben (und damit mehr Blut an die Stelle der Reaktion gelangt, wodurch die reizenden Stoffe oder Gifte schneller abtransportiert werden können). Nahezu hundert Prozent des Histamins, das in der Haut vorkommt, liegt in einer bestimmten Zellsorte gespeichert vor, den sogenannten Mastzellen. Werden diese Zellen aktiviert, d.h. werden diese Zellen durch einen Reiz "geärgert" (und es gibt eine Menge von Reizen, die das tun), dann setzen die Mastzellen Histamin in das umliegende Gewebe frei, und es kommt zu Quaddeln und Juckreiz.

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Allen Formen der Urtikaria ist Eines gemeinsam: Es kommt nach der Stimulation von Mastzellen in der Haut zur Freisetzung von Histamin und damit zu einer Erweiterung der Hautgefäße mit nachfolgender Schwellung und Rötung der Haut sowie Juckreiz. Mastzellen sind eigentlich die "Feuerwehr" oder die "Grenzpolizei" des menschlichen Körpers. Sie sind besonders häufig dort anzutreffen, wo wir mit unserer Umwelt in unmittelbarem Kontakt stehen: Also neben der Haut auch in den Schleimhäuten des Magen-Darm-Traktes und der Atemwege. Hier erfüllen sie wahrscheinlich für den Körper lebenswichtige Funktionen: Gefährliche Angreifer wie Bakterien oder Parasiten werden erkannt und unschädlich gemacht, sei es, weil die Mastzellen den Eindringlingen das Vordringen in den Körper erschweren, weil sie diese töten und auffressen oder weil sie Zellen des Immunsystems, also des Abwehrsystems unseres Körpers, alarmieren und an den Ort des Geschehens lotsen.

Dass Mastzellen in der Haut und in den Schleimhäuten des menschlichen Körpers gehäuft vorkommen, erklärt, warum sich die Urtikaria besonders an diesen Stellen bemerkbar macht. Die Aktivierung der Mastzellen in den oberen (äußeren) Hautschichten führt zu Quaddeln, die der unteren (inneren) Hautschichten zu tieferen Schwellungen. Eine Stimulation der Mastzellen in den Schleimhäuten der Atemwege macht Schluckbeschwerden und Atemnot, die der Schleimhäute des Magen-Darmtraktes führt zu Bauchschmerzen, Übelkeit und Durchfall. Schaut man sich die menschliche Haut oder Schleimhaut unter dem Mikroskop an, dann sind Mastzellen mit einfachen Färbemethoden problemlos darzustellen. Sie sind im Vergleich zu anderen Zellen relativ groß und mit sehr charakteristischen Kügelchen, den Granula, gefüllt. Außerdem finden sich die Mastzellen gehäuft in der näheren Umgebung von Blutgefäßen und Hautnerven (BILD 1). Diese Granula enthalten - neben anderen Stoffen - das Histamin und werden nach der Aktivierung der Mastzellen in das umliegende Gewebe freigesetzt (BILD 2).

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Um einen Urtikariaschub auslösen zu können, müssen Mastzellen erstens an der richtigen Stelle in der Haut sitzen und zweitens "Quaddel-machende" Stoffe produzieren und freisetzen.

Dass letzteres der Fall ist, wissen wir bereits: Das Juckreiz- und Quaddeln-machende Histamin kommt in der Haut praktisch nur in Mastzellen vor. Außer dem Histamin stellen diese Zellen eine ganze Reihe von weiteren Produkten her, die für die Hautveränderungen bei einer Urtikaria von Bedeutung sind.

Quaddeln entstehen dadurch, dass die Hautgefäße an der betroffenen Hautstelle "undicht" werden. Die Abstände zwischen den Zellen, die die Wände von Blutgefäßen bilden, werden größer, so dass aus dem Gefäßinneren Blutflüssigkeit und auch einige Blutzellen in das umliegende Gewebe austreten können. Neben dem Histamin, das die Zellen von Blutgefäßen von einander wegrücken lässt, können auch Mastzell-Produkte wie Leukotriene oder verschiedene Botenstoffe (die sogenannten Zytokine) die Durchlässigkeit von Blutgefäßen erhöhen (BILD 4). Histamin tut das übrigens, indem es an bestimmten Strukturen (den sogenannten Histaminrezeptoren) auf den Gefäßzellen "andockt" und den Gefäßzellen damit signalisiert, dass sie voneinander wegrücken sollen (BILD 3). Die Tatsache, dass Juckreiz-stillende Mittel bei der Nesselsucht in vielen Fällen funktionieren, erklärt sich dadurch, dass diese Medikamente gezielt das Andocken von Histamin an den Histaminrezeptoren blockieren (BILD 5). Deshalb heißen diese Medikament auch Anti-Histaminika. Die Tatsache, dass Antihistaminika bei der Urtikaria nicht in allen Fällen helfen, weist darauf hin, dass Histamin nicht der einzige Juckreiz- und Quaddeln-auslösende Stoff ist, der hier eine Rolle spielt.

Die Entstehung des Juckreizes erklärt man sich folgendermaßen: Zum einen führt das Freisetzen von Histamin aus Mastzellen unmittelbar zu Juckreiz. Zum anderen stimuliert Histamin Nervenfasern in der Haut (BILD 4). Diese Stimulation hat zur Folge, dass die Nervenfasern bestimmte Juckreiz-auslösende Substanzen (sogenannte Neuropeptide) freisetzen. Diese Neuropeptide (z.B. substance P) sind wiederum außer guten Juckreiz-Verursachern auch hervorragende Mastzell-Aktivierer, so dass die Stimulation von Nerven durch Mastzellen eine Stimulation von Mastzellen durch Nerven zur Folge hat. Es beginnt ein Teufelskreis, der erst beendet ist, wenn keine Mastzellen und Nerven mehr zu aktivieren sind. Unglücklicherweise sind Mastzellen in der Haut und in Schleimhäuten bevorzugt in der unmittelbaren Nähe von Gefäßen und Nerven lokalisiert. Kein Wunder also, dass die Verständigung zwischen den "Nachbarn" Mastzelle, Gefäßzelle und Nervenfaser hervorragend funktioniert.

Dass Mastzellen tatsächlich Quaddeln machen können, zeigt sich auch durch folgende Beobachtungen:

  1. Wenn wir uns eine Quaddel unter dem Mikroskop anschauen, finden wir als Zeichen einer vorausgegangenen Aktivierung fast ausschließlich Mastzellen, die ihre Granula in das umliegende Gewebe freigesetzt haben.
  2. Weiterhin führt das Spritzen von Mastzell-aktivierenden Substanzen in die Haut zur Freisetzung der Histamin-haltigen Granula und - ebenso wie das Spritzen von Histamin - zur Ausbildung einer Quaddel.
  3. Wir wissen auch, dass auf der Haut nach der Ausbildung von Quaddeln für einen gewissen Zeitraum keine neuen Quaddeln entstehen können. Diese Zeit, in der keine neuen Quaddeln auftreten können, heißt Refraktärzeit und stimmt mit der Zeitdauer überein, die Mastzellen brauchen, um neue Granula mit Histamin und anderen Stoffen herzustellen.

Es ist schon verwunderlich, dass für das Auftreten einer Urtikaria eine riesige Anzahl vielfältigster Ursachen und Auslöser verantwortlich sein kann, den eigentlichen Krankheitszeichen (nämlich den Quaddeln und dem Juckreiz) aber immer die gleiche Reaktion zugrunde liegt: Die Freisetzung von Histamin nach vorausgegangener Aktivierung der Mastzellen der Haut. Wie genau werden nun Mastzellen bei den verschiedenen Urtikariaformen aktiviert?

Am einfachsten ist diese Frage für die (eher seltene) Allergie-Urtikaria, eine Unterform der Chronischen Urtikaria, zu beantworten. Schließlich ist die Mastzelle die Allergiezelle schlechthin und ist bei allen, durch das Eiweiß Immunglobulin E (IgE) vermittelten Allergien beteiligt und damit für die Krankheitszeichen bei Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis mitverantwortlich. Wir wissen, dass auch der Nesselsucht eine allergische Mastzellaktivierung, also durch IgE und Allergen (Stoff, der eine allergische Reaktion auslösen kann), zugrunde liegen kann. Dies ist bei Kindern häufiger der Fall als bei Erwachsenen, jedoch bei beiden selten. Die Allergene gelangen hier mit der Nahrung oder der Atemluft in den Körper und aktivieren dann Mastzellen, die mit entsprechenden IgE-Antikörpern beladen sind. In seltenen Fällen kann auch bei einer bestehenden Allergie gegen Stoffe in der Atemluft die Zufuhr von kreuz-reagierenden Nahrungsmitteln eine Urtikaria auslösen.

Wie aber kommt es dazu, dass sich eine Allergie-Urtikaria entwickelt? Jede/Jeder von uns kann irgendwann in ihrem/seinem Leben allergisch werden. Dies geschieht dann, wenn wir uns nach dem Kontakt mit einem Stoff, z.B. einem Schimmelpilz, gegen diesen Schimmelpilz sensibilisieren. Eine Sensibilisierung ist nichts anderes als die Produktion von Immunglobulinen (also Abwehr-Eiweißen) gegen einen bestimmten Stoff, in unserem Fall gegen den Schimmelpilz. Sind wir also sensibilisiert, stellt unser Körper verschiedene Immunglobuline mit unterschiedlichen Aufgaben her. Die von den Abwehrzellen des Immunsystems gebildeten Immunglobuline E (IgE) zum Beispiel bleiben bei ihrer Tour durch den menschlichen Körper an eigens dafür auf Mastzellen vorbereiteten "Klebeflächen" (den IgE-Rezeptoren) hängen. Wenn nun unser Körper nochmals mit dem Schimmelpilz in Kontakt kommt, erkennen die auf den Mastzellen, an den IgE-Rezeptoren klebenden IgEs den Schimmelpilz und fangen ihn. Das führt dazu, dass die Mastzelle, auf der die IgEs mit dem gefangenen Schimmelpilz kleben, aktiviert wird und ihre mit Histamin gefüllten Granula auswirft. Es kommt zur allergischen Reaktion. Wie gesagt, dieser wohl am besten verstandene Mechanismus der Mastzellaktivierung wird bisher nur bei einem geringen Prozentsatz aller Urtikariapatientinnen und -patienten als relevant angesehen.

Weitaus häufiger scheint dagegen die Ausbildung von Antikörpern (Abwehreiweißen) gegen den IgE-Rezeptor oder das auf ihm gebundene IgE selbst für eine Urtikaria verantwortlich zu sein. Bei bis zu 30 Prozent aller Patientinnen und Patienten mit Chronischer Urtikaria lassen sich solche Antikörper gegen körpereigene Substanzen nachweisen. Mit anderen Worten, der Körper reagiert gegen sich selbst. Deshalb spricht man auch von Autoantikörpern und einer Autoimmun-Urtikaria. Ein einfacher Suchtest für das Vorliegen einer solchen Autoimmun-Urtikaria ist das Spritzen des eigenen Blutes, bzw. des flüssigen Anteils des Blutes in die Haut des Unterarms. Dies führt bei Betroffenen mit Antikörpern gegen den eigenen IgE-Rezeptor oder das eigene IgE zu einer deutlichen Quaddelbildung.

Bei den Patientinnen und Patienten mit Antikörpern gegen den IgE-Rezeptor können zwei verschiedene Gruppen von Antikörpern unterschieden werden, solche die nur binden können, wenn kein IgE auf den Rezeptoren sitzt und solche die auch IgE-beladene Rezeptoren aktivieren können. Die Bildung von Antikörpern gegen IgE scheint eine kleinere Gruppe von Urtikariapatienten zu betreffen. Im Ganzen ist zu sagen, dass diese noch relativ neuen Erkenntnisse derzeit in vielen Kliniken und Labors geprüft und vervollständigt werden, so dass in den nächsten Jahren sicher noch mehr über diese sogenannte Autoimmun-Urtikaria zu hören sein wird.

Mastzellen besitzen Komplementrezeptoren, d.h. Klebeflächen für Faktoren des Komplementsystems, eine komplexe Gruppe von Eiweißen, die in erster Linie aktiviert werden, wenn wir uns gegen feindliche Eindringlinge wie Bakterien oder Parasiten wehren müssen. Seit langem ist auch bekannt, dass die Aktivierung des Komplementsystems, z.B. im Rahmen von bakteriellen Infektionen zur Bildung von aktivierten Komplementfaktoren, den Anaphylatoxinen (das sind stark Mastzell-aktivierende Substanzen) führt. Nicht selten versteckt sich hinter einer chronischen Nesselsucht eine chronische Infektion (z.B. der Nasennebenhöhlen, der Rachenmandeln, der Magenschleimhaut oder der Zähne), denn es ist bekannt, dass die Beseitigung eines solchen chronischen Infektherdes zur Abheilung einer Chronischen Urtikaria führen kann. Wir sprechen dann von einer Infekt-Urtikaria. Die Tatsache, dass ein Teil der Patienten mit Infekt-Urtikaria nach einem Schub weniger Komplementfaktoren im Blut aufweist, spricht dafür, dass dieser Form der Urtikaria eine Komplement-vermittelte Mastzell-Aktivierung zugrunde liegen kann und dieses Komplement dabei verbraucht wird. Nicht zu verwechseln ist diese Beteiligung allerdings mit der Rolle des Komplementsystems beim verwandten hereditären Angioödem, bei dem das Fehlen der "Bremsen" des Komplementsystems die verantwortliche Ursache darstellt.

Bei Patientinnen und Patienten mit chronischer Intoleranz-Urtikaria sind die Beschwerden durch sogenannte Intoleranzreaktionen auf z.B. Medikamente oder Nahrungsmittelzusatzstoffe wie Konservierungsmittel oder Farbstoffe zu erklären. Intoleranz heißt, dass der Körper einen bestimmten Stoff nicht toleriert, d.h. nicht verträgt. Dann kann es bei Meiden des auslösenden Stoffes z.B. mit Hilfe einer Diät zu einem Abheilen der Urtikaria kommen. Mastzellen werden in diesem Fall entweder unmittelbar aktiviert, oder es kommt, wie das für Intoleranz-auslösende Stoffe in der Nahrung diskutiert wird, zu einer Veränderung der Reizschwelle bei Mastzellen, d.h. Mastzellen lassen sich durch andere Faktoren, z.B. Neuropeptide oder Komplementfaktoren leichter als sonst aktivieren.

Aktuelles

In diesem Jahr stehen in der geplanten Welt-Allergie Woche vom 2-8. April 2017 vorwiegend die Urtikaria Patienten im Mittelpunkt.

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UCARE steht für Urtikaria Zentren - Centers of Reference and Excellence. Das UCARE Netzwerk wird von UNEV unterstützt!

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Auch dieses Jahr ist es am 1. Oktober 2017 wieder soweit: Der 4. Welt-Urtikaria-Tag findet statt.

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