Was ist eine Urticaria Factitia?

Urticaria Factitia
Urticaria Factitia
li.: Urticaria factitia 1928 (aus Jadasohns Handbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten); re.: Urticaria factitia 2005

Die Urticaria factitia (UF) gehört zu den physikalischen Formen der Urtikaria. Der auslösende Reiz der UF ist das Einwirken von Scherkräften auf die Haut, wie sie z. B. beim Reiben, Kratzen oder Scheuern der Haut entstehen.

Die Häufigkeit der UF in der Gesamtbevölkerung beträgt je nach Literaturangabe bis zu 5%. Patienten mit einer anderen Form der Urtikaria leiden noch häufiger unter einer UF. Bis zu 50% aller Patientinnen und Patienten mit Chronischer Urtikaria zeigen zumindest zeitweise Symptome einer UF. Betroffen sind vor allem junge Erwachsene zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr, wobei der Anteil der Frauen leicht überwiegt. Die Angaben zur Dauer der UF schwanken zwischen 2 und 5 Jahren, wobei solche Angaben rein statistischer Natur sind und nicht auf einen individuellen Patienten angewandt werden können.

Factitia ist aus dem lateinischen "facere" abgeleitet, was "machen" bedeutet. Die Urticaria factitia ist also eine "gemachte Urtikaria".

Aus Jadasohns "Handbuch der Haut- und Geschlechtkrankheiten" von 1928 zur mittelalterlichen Geschichte der UF:

"Über die Urticaria factitia (Dermographismus oedematosus) entnehmen wir einer Arbeit Lapinskys folgende geschichtliche Daten: 'Nach FALK waren solche Zustände der Haut bereits im Mittelalter, im Zeitalter der religiösen Verfolgungen und der Inquisition, sehr wohl bekannt. In jener Zeit mußte derjenige, bei dem dieses Phänomen beobachtet wurde, seinen Kopf auf dem Schaffot lassen oder bei lebendigem Leibe verbrannt werden, da dadurch die nahe Bekanntschaft des Trägers dieser Erscheinung mit dem Teufel als bewiesen galt.

Medizinische Autoritäten wurden erst in der Mitte des vorigen Jahrhunderts auf diese eigenartige Erscheinung aufmerksam. BAYER erzählt 1840 – als einer der ersten – in seinem Handbuch der Hautkrankheiten von einem jungen Mann, der durch Reiben oder Kneifen seiner Haut zu jeder Zeit Flecken und Quaddeln auf seinem Gesicht oder auf seinen Händen hervorrufen konnte. Etwas später beschreibt BATEMAN in seinem Lehrbuch ein junges Mädchen, das in jedem Augenblick auf ihrer Haut durch Kratzen mit den Nägeln Quaddeln hervorbringen konnte.'"

Wie bei anderen Formen der Urtikaria sind die Leitsymptome der Urticaria factitia flüchtige Quaddeln, Rötungen und Juckreiz. Seltener werden auch Kribbeln, Beißen und Wärmeempfindung beschrieben. Bei der UF entstehen die Hauterscheinungen niemals spontan, sondern ausschließlich an Hautstellen, an denen Scherkräfte einwirken; Stellen also, an denen enge Kleidung auf der Haut gerieben hat oder an denen gekratzt wurde. Die Stärke der zur Auslösung notwendigen Scherkräfte variiert beträchtlich. Bei manchen Patienten reicht schon ein leichtes Streichen, bei anderen bedarf es eines starken Kratzens, um die Hautveränderungen auszulösen.

Die Quaddeln der UF entstehen innerhalb von nur 5 Minuten und können bis zu mehreren Stunden andauern. Die oft sehr gut zu beobachtende Abfolge der Hautreaktion ist hier kurz zusammengefasst:
Nach dem Reiben oder Kratzen der Haut kommt es zu einer Rötung der Haut (durch erhöhten Blutfluss) um die sich im weiteren Verlauf ein geröteter Hof ausbildet, der weit über die Auslösestelle hinausgeht, an der sich dann eine Quaddel ausbildet und Juckreiz einstellt. Zunächst ist die Quaddel noch rot. Sie wird dann aber weißlich und nach wenigen Minuten wird das Vollbild erreicht: Eine juckende, etwas über die Auslösestelle hinausgehende weißliche Quaddel auf einem geröteten Hof.
In der Reihenfolge des Erscheinens verschwinden die Symptome auch wieder: Nach kurzer Zeit lässt die Rötung etwas nach. Dann wird auch der Juckreiz schwächer und verschwindet mit der Quaddel.

Wie Scherkräfte bei der Urticaria factitia zur Mastzellenstimulation führen ist unbekannt
Ansammlung weißer Blutzellen um ein erweitertes oberflächliches Hautgefäß (aus Jadasohns Handbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten von 1928)

Bei der UF kann in der Regel trotz eingehender Untersuchungen keine eindeutige Ursache gefunden werden. Am ehesten kommen Intoleranzreaktionen gegen Medikamente wie Penicillin, Aspirin, Codein, Sulfonamide oder Lidocain in Betracht. Andere assoziierte Erkrankungen sind Parasitosen oder eine Mastozytose. Die Rolle von Intoleranzreaktionen gegen Lebensmittel und Lebensmittelbestandteile ist bei der UF umstritten. Die UF ist oft mit anderen Formen der Urtikaria vergesellschaftet. In diesen Fällen kann meist - aber keineswegs immer - auf eine gemeinsame Ursache geschlossen werden.

Wie auf die Haut wirkende Scherkräfte die Hautmastzellen zur Histaminfreisetzung stimulieren, ist nicht bekannt. Denkbar wäre zum Beispiel die Freisetzung von Botenstoffen (sogenannten Neuropeptide) aus den durch Reizung der Haut erregten Hautnerven, denn viele dieser Botenstoffe sind bekannte Mastzellstimulatoren. Die Reaktion in der Haut nach der Aktivierung der Mastzellen zeigt sich bereits nach wenigen Minuten und auch unter dem Mikroskop ist nach kurzer Zeit gut zu sehen, wie sich die Hautgefäße erweitern und sich ein Ödem (Wassereinlagerung) bildet. Bald darauf kann man beobachten, wie weiße Blutzellen in das Hautgewebe um die oberflächlichen Hautgefäße eindringen, was dem Bild einer frühen entzündlichen Reaktion entspricht.

Die Diagnose der UF ist relativ einfach: Mit einem Holzspatel oder einem geschlossenen Kugelschreiber wird mit mäßigem Druck über die (Rücken-) Haut gestrichen. Dabei kommt es bei fast allen Menschen zu einer Hautreaktion, die Dermographismus (griechisch für „auf die Haut schreiben“) genannt wird.

Bei Gesunden entsteht ein „roter Dermographismus“, der nichts weiter als eine kurz andauernde Hautrötung als Reaktion auf die erfolgte mechanische Irritation darstellt. Diese Reaktion ist völlig normal und wird von gesunder Haut erwartet.

Der Dermographismus der UF ist unverwechselbar anders. Er besteht aus einer überschießenden Hautrötung und einer darin liegenden erhabenen juckenden Quaddel. Eine UF wird diagnostiziert, wenn es bei dieser Testung

  1. zu einer Rötung der Haut kommt, die über die Auslösestelle hinausreicht,
  2. zu einer Quaddelbildung kommt und
  3. diese Hauterscheinungen spätestens nach mehreren Stunden folgenlos abgeklungen sind.

Da so wenig über die Ursachen der UF bekannt ist, sind die therapeutischen Möglichkeiten bei der UF eingeschränkt. Allen UF-Patientinnen und -Patienten ist zunächst zu raten, die auslösenden Stimuli wo möglich zu meiden. Dazu zählt vor allem der Verzicht auf eng anliegende, zwickende und scheuernde Kleidung und enge Gürtel. Außerdem lohnt es sich, so gut wie möglich auf bestimmte Medikamente wie fiebersenkende Schmerzmittel (ASS, Ibuprofen, Diclofenac), Penicillin und Codein zu verzichten. Nur selten kann durch die Behandlung assoziierter Erkrankungen ein kurativer Therapieansatz verfolgt werden.

Medikamentös ist die UF in der Regel mit modernen Antihistaminika gut beherrschbar. Am häufigsten bereitet das nächtliche Auftreten von Juckreiz Probleme. Dagegen kann mit leicht sedierenden (müde machenden) Antihistaminika zur Nacht oder juckreizstillenden Cremes vorgegangen werden. Andere Therapieformen (z.B. immunsupprimierende Medikamente) sind im Einzelfall in Erwägung zu ziehen, wobei eine Prognose über den zu erwartenden Therapieerfolg nur selten möglich ist.

Aktuelles

In diesem Jahr stehen in der geplanten Welt-Allergie Woche vom 2-8. April 2017 vorwiegend die Urtikaria Patienten im Mittelpunkt.

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UCARE steht für Urtikaria Zentren - Centers of Reference and Excellence. Das UCARE Netzwerk wird von UNEV unterstützt!

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Auch dieses Jahr ist es am 1. Oktober 2017 wieder soweit: Der 4. Welt-Urtikaria-Tag findet statt.

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