Lichturtikaria

Die Lichturtikaria, die auch solare Urtikaria genannt wird, gehört zu den häufigeren physikalischen Urtikariaformen. Bei der Lichturtikaria entstehen die für die Urtikaria typischen Quaddeln und der Juckreiz nach Einwirkung von Licht, insbesondere Sonnenlicht. Die Lichturtikaria ist deshalb im allgemeinen Sprachgebrauch auch unter dem Namen "Sonnenallergie" bekannt.

Die Lichturtikaria betrifft zumeist junge Menschen um das 30. Lebensjahr. Es gibt aber auch Fälle, in denen weitaus ältere Menschen noch an einer Lichturtikaria erkranken. Studien zeigen, dass Frauen häufiger von der Lichturtikaria betroffen sind als Männer. Die durchschnittliche Krankheitsdauer beträgt etwa 4-6 Jahre [10], in Einzelfällen sind aber auch Krankheitsdauern von mehreren Jahrzehnten beschrieben. Über 20% der Patientinnen und Patienten mit Lichturtikaria leiden gleichzeitig noch an einer anderen Form der Urtikaria [10], wie z.B. an einer Urticaria factitia oder einer Wärmeurtikaria.

Wellenlängen des Lichts und ihre Bedeutung bei der Lichturtikaria

Typischerweise beginnt eine Lichturtikaria sehr plötzlich im Frühjahr oder Sommer [13]. Wenige Sekunden bis Minuten nach Lichteinwirkung (UVA, UVB oder sichtbares Licht) entstehen auf der Haut, die dem Licht ausgesetzt war, juckende Quaddeln. In seltenen Fällen entstehen die Quaddeln aber auch erst einige Stunden nach Sonnenbestrahlung [11]. Die komplett lichtgeschützte Haut bleibt in aller Regel erscheinungsfrei. Leichte Kleidung jedoch hält UVA-Strahlen und sichtbares Licht oft nicht vollständig ab, so dass es vorkommen kann, dass die Lichturtikaria auch an "bedeckten" Körperstellen auftritt.
Wird die Sonneneinstrahlung beendet, verschwinden die Beschwerden innerhalb von 24 Stunden wieder. Bei geringerer Strahlenintensität entstehen nur Rötungen, eventuell kleine Quaddeln. Daher ist es nicht immer einfach, die Lichturtikaria von anderen durch Licht ausgelösten Hautreaktionen zu unterscheiden.
Wird der ganze Körper der Strahlung ausgesetzt, kann es auch zu schwerwiegenderen Symptomen wie Atemnot, Schwindel oder einem anaphylaktischen Schock kommen [6].

In genauen Lichttestungen hat man herausgefunden, dass Patientinnen und Patienten häufig nur auf einen Teil des Lichtspektrums, d.h. nur auf Strahlung innerhalb eines bestimmten Wellenlängenbereichs empfindlich reagieren.

Diesen Wellenlängenbereich nennt man auch Aktionsspektrum. Die meisten Patienten mit Lichturtikaria (ca. 60%) vertragen sichtbares Licht nicht [13], etwa 30% der Lichturtikaria-Patienten reagieren nur auf die für uns unsichtbare UVA–Strahlung (340-400 nm Wellenlänge) [10], noch seltener ist eine Unverträglichkeit von UVB-Strahlung (280-320 nm).
Gelegentlich kommt es auch vor, dass Patienten sowohl auf sichtbares Licht als auch auf UV-Strahlung reagieren. Interessanterweise gibt es Patienten, bei denen ausschließlich das Licht der Sonne eine Urtikaria auslöst, künstliches Licht wird problemlos vertragen.

Bei längerer Krankheitsdauer der Lichturtikaria kann das Aktionsspektrum auch wechseln. Im Gegensatz zum Aktionsspektrum, also dem Wellenlängenbereich, der urtikarielle Reaktionen an der Haut auslöst, existiert bei etwa 70 % der Lichturtikaria-Patienten ein bestimmter Wellenlängenbereich, durch den die Urtikaria-Entstehung unterdrückt wird, ein sogenanntes "Hemmspektrum" [13].

In den meisten Fällen sind die Wellenlängen des Hemmspektrums länger als die des Aktionsspektrums: liegt z.B. das Aktionsspektrum im UVA-Bereich mit Wellenlängen um 320 bis 400 nm, würde das Hemmspektrum möglicherweise im sichtbaren Licht (400 bis 780 nm) liegen. Bei den meisten Patienten mit Lichturtikaria tritt eine Hemmung der Urtikaria aber nur auf, wenn die Bestrahlung mit dem Hemmspektrum zeitlich direkt nach der Bestrahlung mit dem Aktionsspektrum erfolgt.

Einige Autoren haben festgestellt, dass es bei einigen wenigen Patienten sogar noch eine dritte Spektrum-Form gibt – das Verstärkungs-Spektrum. Vorbestrahlung mit dem Verstärkungs-Spektrum verstärkt die durch Bestrahlung mit dem Aktionsspektrum provozierte Lichturtikaria [13].

Bei einigen Patienten mit Lichturtikaria sind nur bestimmte Regionen der Haut empfindlich für Licht, z.B. kann es vorkommen, dass die Bestrahlung des linken Armes zu einer Lichturtikaria führt, am rechten Arm bei gleicher Bestrahlungsmenge und -dauer keinerlei Reaktion auftritt. Dieses seltene Phänomen bezeichnet man auch als fixe solare Urtikaria [12].

Krankheiten, mit denen man die Lichturtikaria leicht verwechseln kann

Bei der Wärmeurtikaria, einer sehr seltenen Form der physikalischen Urtikaria, treten Quaddeln und Juckreiz an Hautstellen auf, die Wärme ausgesetzt sind (z.B. warmes Wasser oder warme Luft). Deshalb kann die Lichturtikaria, wenn sie im Sommer auftritt, manchmal mit der Wärmeurtikaria verwechselt werden. Bei einer Lichturtikaria sind in aller Regel nur solche Hautstellen betroffen, die dem Licht ausgesetzt sind, während bei der Wärmeurtikaria eher an bekleideter Haut (Wärmeentwicklung) Quaddeln auftreten. Im Zweifel sollten Wärme- und Lichttestungen die Diagnose sichern.

Manchmal können auch die Hautveränderungen der polymorphen Lichtdermatose denen der Lichturtikaria ähneln. Allerdings bleiben die Hautveränderungen der polymorphen Lichtdermatose typischerweise deutlich länger (Tage!) bestehen und haben einen eher ekzematösen, knotigen Charakter. Dasselbe gilt für photoallergische oder phototoxische Kontaktekzeme, den Lupus erythematodes und die Porphyrie.

Abb. 2: Möglicher Auslösemechanismus einer Lichturtikaria

Bis jetzt ist der genaue Mechanismus, durch den es bei Lichturtikaria-Patienten nach Lichteinstrahlung zum Urtikariaschub kommt, noch nicht bekannt. Entnimmt man einem Patienten mit Lichturtikaria Blut und spritzt es ihm gleich wieder in die Haut, reagiert der Patient völlig normal auf sein Blut – man sieht gar nichts an der Einstichstelle. Bestrahlt man das entnommene Blut allerdings mit Licht der entsprechenden Wellenlänge und injiziert es dann, entsteht an der Einstichstelle bei vielen Lichturtikaria-Patienten eine juckende Quaddel. Dieses Experiment deutet darauf hin, dass bei Patienten mit Lichturtikaria eine im Körper vorhandene Substanz (Chromophore/Precursor) durch Einwirkung von Licht so verändert wird, dass sie die Mastzellen zur Histaminausschüttung bringt.

Allerdings haben Versuche gezeigt, dass zusätzlich noch ein weiterer Faktor eine Rolle spielen muss, da diese lichtveränderte Substanz bei gesunden Menschen nicht zur Quaddelbildung führt. Dies könnten möglicherweise IgE-Antikörper sein, die gegen ein Photoallergen gerichtet sind.

Anders als bei der chronischen Urtikaria, bei der Quaddeln und Juckreiz "spontan" auftreten, ist über einen eventuellen Zusammenhang der Lichturtikaria mit Infekten, Nahrungsmittelzusatzstoffen oder Allergien noch nichts bekannt. Daher wird die Lichturtikaria in den meisten Fällen als "idiopathisch" (= Ursache nicht geklärt) bezeichnet.

Gelegentlich tritt eine Lichturtikaria jedoch auch sekundär, d.h. als Folge einer identifizierbaren Ursache oder einer anderen Erkrankung auf. Sowohl die Porphyrie als auch der Lupus erythematodes können mit einer Lichturtikaria einhergehen, daher sollten diese Krankheiten mit Hilfe von Laboruntersuchungen ausgeschlossen werden.

Auch tritt die Lichturtikaria gelegentlich in Zusammenhang mit der Einnahme von bestimmten Medikamenten auf, sogenannten Photosensibilisatoren. Dies können Medikamente wie Tetracyclin [14] oder Chlorpromazin [5], aber auch äußerlich angewandte Substanzen z.B. teerhaltige Salben sein [7]. Die durch Medikamente bedingte Form der solaren Urtikaria nennt man auch sekundäre solare Urtikaria. Der genaue Mechanismus der Photosensibilisierung ist für jedes Medikament verschieden. In jedem Fall kommt es durch Lichtbestrahlung zu chemischen Veränderungen des eingenommenen Medikamentes oder dessen Abbauprodukten, die dann eine Degranulation der Mastzellen in der Haut bewirken. Wird das photosensibilisierende Medikament nicht mehr eingenommen, verschwinden die Symptome innerhalb weniger Tage [14].

Zur Diagnose einer Lichturtikaria sollte eine genaue Lichttestung durchgeführt werden. Hierzu wird die Haut mit Licht unterschiedlicher Wellenlängen bestrahlt, um den auslösenden Wellenlängenbereich festzustellen und einen eventuell vorhandenen hemmenden Wellenlängenbereich zu identifizieren. Getestet wird mit einer sogenannten "Lichttreppe" an normalerweise nicht sonnenbestrahlter Haut, zum Beispiel am Rücken oder am Gesäß.

Eine Ausnahme hiervon stellt die fixe solare Urtikaria dar, die nur an bestimmten Körperstellen auftritt. Hier sollte ein Testareal gewählt werden, in dem auch vorher schon urtikarielle Hautveränderungen aufgetreten sind, da sonst die Lichttestung falsch negativ ausfällt [12]. Nacheinander werden kleine Hautfelder mit UVA- (Metallhalogenidstrahler), UVB-(Fluoreszenzstrahler) oder sichtbarem Licht (Diaprojektor) in jeweils steigender Strahlungsintensität bestrahlt. Die angewendeten Lichtstärken sollten unter 30 J/cm2 für UVA-Strahlung und unter 300 mJ/cm2 für UVB-Strahlung bleiben, mit der Diaprojektorglühlampe (150-300 W) sollte nicht länger als 30 Minuten aus 10 cm Entfernung bestrahlt werden. Der Test muss nach Beendigung der Bestrahlung sofort abgelesen werden, da die stärkste Reaktion meist schon nach einer Minute auftritt. Die geringste Lichtstärke, bei der die ersten Quaddeln auftreten, wird als minimale urtikarielle Dosis (MUD) bezeichnet. Da bei jeder Art von Provokationstestung in Ausnahmefällen auch starke Reaktionen wie Kreislaufkollaps und Atemnot auftreten können, sollten diese Testungen nur dort stattfinden, wo man für Notfälle ausgerüstet ist.

Da man noch nicht genau weiß, wie und warum eine Lichturtikaria entsteht, gibt es zur Zeit auch keine anerkannt wirksame Therapie, die die Ursache der Erkrankung bekämpft. Daher versucht man, entweder den Ausbruch der Urtikaria durch Lichtschutz zu verhindern oder die Symptome zu mildern.

Eine relativ einfache Möglichkeit, sich vor der Sonneneinwirkung zu schützen, sind Sonnenschutzcremes mit einem hohen Lichtschutzfaktor und Breitbandfilter. Leider sind sie meist nur bei Patienten wirksam, die auf ultraviolettes Licht reagieren, haben aber wenig Nutzen bei der durch sichtbares Licht ausgelösten Urtikaria.

Eine andere Möglichkeit der symptomatischen Behandlung ist die Einnahme von Antihistaminika, die die Wirkungen des Histamins blockieren [12]. Sie erreichen jedoch nur eine Verbesserung der Lichttoleranz um etwa das 10fache. Sehr lichtempfindliche Patienten, die schon nach einigen Sekunden in der Sonne mit Urtikaria reagieren, profitieren daher nur wenig von dieser Therapie. Interessanterweise hemmen die Antihistaminika nur den Juckreiz und die Quaddelbildung, nicht aber die Rötung der Haut.

Eine Therapiealternative, die oft guten Erfolg bringt, ist eine Licht-Gewöhnungsbehandlung. Sie ist effektiv und nebenwirkungsarm, erfordert jedoch ein wenig Aufwand. Bei dieser Therapie werden zunächst nur Teile des Körpers, später der ganze Körper, mit Licht der individuellen Urtikaria-auslösenden Wellenlänge oder mit UVA-Licht bestrahlt (Phototherapie) [3]. Für diese Form der Gewöhnungsbehandlung steht ein zuverlässiges Verfahren zur Verfügung, das sogenannte UVA-Hardening (1). Durch diese Behandlung ist bereits innerhalb weniger Tage eine gute Sonnentoleranz erreichbar.

Ähnliche Ergebnisse kann man auch mit einer PUVA-Behandlung erzielen, einer Kombination aus UVA-Bestrahlung und Psoraleneinnahme (Photochemotherapie). Das Psoralen macht die Haut empfindlicher für Licht und verstärkt so die UVA-Strahlung. Die intensiven Bestrahlungen führen zu einer Gewöhnung der Haut an Licht und es kommt nicht mehr so leicht zur Quaddelbildung.

An jede dieser Lichttherapien sollten sich jedoch nach Abschluss der Behandlung weitere Bestrahlungen (oder der wiederholte kontrollierte Aufenthalt in der Sonne) anschließen, damit der Gewöhnungseffekt bestehen bleibt.

In besonders schweren Fällen der Lichturtikaria, in denen auch mit einer Lichtgewöhnungsbehandlung kein Erfolg erzielt werden kann, können auch immunsuppressive Medikamente wie z.B. Cyclosporin [4] oder regelmäßige Plasmapheresen (Blutwäschen) [2] versucht werden. Diese Behandlungsformen kommen aber wegen ihrer Nebenwirkungen nur in Ausnahmefällen zum Einsatz.

  1. Beissert S, Stander H, Schwarz T. UVA rush hardening for the treatment of solar urticaria. J Am Acad Dermatol 42 (6): 1030-2., 2000.
  2. Collins P, Ahamat R, Green C, Ferguson J. Plasma exchange therapy for solar urticaria. Br J Dermatol 134 (6): 1093-7., 1996.
  3. Dawe RS, Ferguson J. Prolonged benefit following ultraviolet A phototherapy for solar urticaria. Br J Dermatol 137 (1): 144-8., 1997.
  4. Edstrom DW, Ros AM. Cyclosporin A therapy for severe solar urticaria. Photodermatol Photoimmunol Photomed 13 (1-2): 61-3., 1997.
  5. Horio T. Photoallergic reaction. Classification and pathogenesis. Int J Dermatol 23 (6): 376-82., 1984.
  6. Juhlin L, Malmros-Enander I. Solar urticaria: mechanism and treatment. Photodermatol 3 (3): 164-8., 1986.
  7. Kaidbey KH, Kligman AM. Clinical and histological study of coal tar phototoxicity in humans. Arch Dermatol 113 (5): 592-5., 1977.
  8. Kurumaji Y, Shono M. Drug-induced solar urticaria due to repirinast. Dermatology 188 (2): 117-21., 1994.
  9. Leenutaphong V, Holzle E, Plewig G. Pathogenesis and classification of solar urticaria: a new concept. J Am Acad Dermatol 21 (2 Pt 1): 237-40., 1989.
  10. Monfrecola G, Masturzo E, Riccardo AM, Balato F, Ayala F, Di Costanzo MP. Solar urticaria: a report on 57 cases. Am J Contact Dermat 11 (2): 89-94., 2000.
  11. Monfrecola G, Nappa P, Pini D. Solar urticaria with delayed onset: a case report. Photodermatol 5 (2): 103-4., 1988.
  12. Schwarze HP, Marguery MC, Journe F, Loche E, Bazex J. Fixed solar urticaria to visible light successfully treated with fexofenadine. Photodermatol Photoimmunol Photomed 17 (1): 39-41., 2001.
  13. Uetsu N, Miyauchi-Hashimoto H, Okamoto H, Horio T. The clinical and photobiological characteristics of solar urticaria in 40 patients. Br J Dermatol 142 (1): 32-8., 2000.
  14. Yap LM, Foley PA, Crouch RB, Baker CS. Drug-induced solar urticaria due to tetracycline. Australas J Dermatol 41 (3): 181-4., 2000.

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